Wertvorstellungen

Gestern hatten wir wieder eine Aktion “Team-Ulm zahlt dein Kino”. Die Anmeldungen am Sonntag abend verliefen wieder in der üblichen Form sehr schnell, sodass bereits nach 7 Minuten alle Ticktes vergriffen waren. Das macht Freude sowohl bei den Gewinnern, als auch bei uns. Auch beim Einlass war die Resonanz groß und wir freuten uns über einen gut gefüllten Kinosaal. Einzelne kurzfristige Ausfälle lassen sich nie vermeiden und da man das vorher weiss, wird das auch bei der Kartenverlosung anhand von Erfahrungswerten von uns berücksichtigt, sodass möglichst viele Nutzer in den Genuss eines kostenlosen Filmes kommen.

Der Film “Männer, die auf Ziegen starren” ist ein Film, der wahlweise viel Tiefe oder einfach nur viel Komik zu bieten hat. Heute anschauen, morgen noch drüber reden, und in zwei Jahren dann gerne mal wieder als Film im Fernsehen gesehen (oder auch nicht). Für Menschen mit zwei, drei neuronalen Windungen mehr aber auch gerne etwas tiefsinniger.  Denn eigentlich ist der Film ein Antikriegsfilm, der jedoch nicht das übliche Bashing betreibt, sondern auf witzige und spritzige Art ins Gericht zieht und die (US-)Army als Ganzes durch tiefschwarzen Kakao zieht. Sehr komisch wird der Film an den Stellen, an denen George Clooney Ewan McGregor über die Tätigkeiten der JEDI aufklärt und Ewan McGregor immer wieder sehr ungläubig nach der Tätigkeit und den Aufgaben sowie der Philosphoie der JEDI frägt. Die, die schon vor 7 Jahren ins Kino gegangen sind, mögen sich erinnern: Ewan McGregor gab damals den Oberjedi Anakin Skywalker auch bekannt als “Darth Vader” den Jedimeister Obi Wan Kenobi. Und so wirken diese Szenen zum Brüllen komisch, wenn man noch Episode 2 und Episode 3 im Kopf hat.

Insgesamt ein Film, der viel Spass gemacht hat und an zwei oder drei Stellen für das bessere Verständnis auch die Aktivierung von zusätzlichen Hirnwindungen als das für den Konsum von Vorabend-Soaps nötig ist, erforderlich gemacht hat.

Und genau da scheinen leider einige der Anwesenden ausgestiegen zu sein.  Als jemand, der der Tür sehr nahe saß konnte ich mit zunehmender Dauer des Filmes eine zunehmende Völkerwanderungstendenz wahrnehmen. Zuerst gestaltete sich diese derart, dass wohl die in großen Bechern konsumierten Softdrinks dem Recycling zugeführt werden mussten und die Betreffenden – die weiblichen gerne auch grüppchenweise – während des Films das “stille Örtchen” aufsuchen mussten. Für gewöhnlich nichts bemerkenswertes. Aber bei einem “normalen” (selbst bezahlten) Kinobesuch erlebt man so etwas vielleicht einmal oder auch zweimal. Oder auch gar nicht.  Gestern ging das ab der zweiten Hälfte des Films mit ziemlicher Häufigkeit so. Konfirmantenblasen? Hm… evtl. Desinteresse? Wohl eher….

Den Abschuss haben jedoch die Besucher gebracht, die ca. 10 Minuten vor Filmende in mehreren Gruppen gemeint haben, den Film verlassen zu müssen und im (Halb-)Dunkel den Kinosaal verlassen haben – dabei auch noch vor der Leinwand umherspaziert sind (zugegeben, sich durch die Stuhlreihen zu drücken wäre die schlechtere Alternative gewesen).

Why? Warum?

Wenn man schon den Film zum Großteil hinter sich gebracht hat und nur noch wenige Minuten vor sich hat, was treibt einen dann dazu, den Film zu verlassen und sich nicht das evtl. für manche Passagen erhellende Ende des Films anzuschauen? Ist man evtl. so verzweifelt ob des mangelnden Verständnisses für einen wahlweise oberflächlichen oder tiefgründigen Film, dass man sich die letzten Minuten nicht ansehen möchte? Oder ist das eine besondere Form, Geringschätzung uns und der Aktion “TU zahlt dein Kino” gegenüber zum Ausdruck zu bringen?

Es gibt viele Nutzer, die sich gefreut hätten, die Karten zu gewinnen – und die sie nicht gewonnen haben. Umso mehr verwundert dann ein solches Verhalten der Gewinner. Aber wie heisst es so schön? Was nichts kostet, ist nichts wert.

Manchmal träumt man davon, dass die Welt nicht so egozentrisch und nicht so materialistisch ist. Manchmal….

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6 Kommentare zu „Wertvorstellungen“

  1. Neubi sagt:

    So jetzt kommt der Obernerd:

    McGregor hat Obi Wan Kenobi gespielt und nicht Anakin oder Darth Vader *hust*

  2. Ich hatte neulich eine Diskussion zu genau diesem Thema, und ich war bislang auch immer einer derjenigen, die bis zum (manchmal ja wirklich bitteren) Ende in einem Film gesessen sind.

    Neue Einsicht dank dieser Diskussion: Genauso haben sich die Teilnehmer des Milgram-Experiments verhalten. Wer im Laufe einer Handlung abbricht, gibt allen anderen zu verstehen, dass er vorher eine fehlerhafte Entscheidung getroffen hat. Die meisten Menschen wollen — vor allem vor einem vollen Kinosaal — dieses Eingestaendnis nicht machen und ertragen lieber den Film. Der uebliche Weg unseres Verstandes ist es, diese Handlung dann durch andere Begruendungen zu rationalisieren. Im Falle eines Films waeren uebliche Muster z.B., dass ja noch etwas Spannendes kommen koennte, das dem Film eine neue Wendung gibt; oder dass man das “Ertragen” des Films als tugendliche oder intellektuelle Leistung betrachtet.

    Im Normalfall kommt auch noch das Sunk-Cost-Phaenomen hinzu: Die Kinokarte ist bereits bezahlt, und besonders als Schwabe kommt man sich natuerlich verschwenderisch vor, wenn man sie nicht auch nutzt. Das ist ein typischer Fehlschluss, er betrachtet naemlich nur die bereits getaetigten Ausgaben (Kinokarte) und nicht die noch zu taetigende Ausgabe (Zeit), um den Film, der einem nicht gefaellt, zu Ende zu sehen. Die Kosten fuer die Kinokarte sind jedoch sowieso schon investiert, und wenn der Film nichts taugt, ist es wirtschaftlich unsinnig, _zusaetzlich_ auch noch mehr Zeit als noetig dafuer zu investieren.

    In diesem Zusammenhang ist das von dir beschriebene Phaenomen dann auch tatsaechlich interessant: Wenn die Kinokarte nichts kostet, sind die Zuschauer offenbar deutlich weniger gewillt, einen Film zu Ende zu sehen, der ihnen nicht gefaellt.


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